Licht aus für die Meinungsfreiheit

Merkwürdig! Wir leben in einer Demokratie mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Noch am Montag gingen tausende Menschen auf die Straße, um für „Offenheit“, „Toleranz“ und ein „buntes Deutschland“ zu werben. Das war großartig und es ist sehr wichtig, das immer wieder zu betonen.
Dann aber kam es zu einem sehr merkwürdigen Szenario. Bei genau diesen Leuten ist die Freude riesengroß, wenn den Teilnehmern der Pegida-Demonstration in Köln sowohl das Licht ausgeschaltet als auch der Weg versperrt wird, einfach weil sie Gebrauch von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung machen wollen. Wie passt das zusammen?

Kurze Zeit später wurde im Netz angekündigt, dass Pegida aufgrund des Verlaufs der Demonstrationen vorerst nicht mehr in Bonn und Köln demonstrieren wird. Die Reaktion im Netz: Große Freude. „Wir sind die Gewinner“, wird eine 16-Jährige in der aktuellen Ausgabe der ZEIT zitiert. Aber was wurde jetzt gewonnen? Glaubt man, dass die Leute dadurch, dass sie am Montag im Dunkeln nach Hause gehen mussten, ihre Meinung geändert haben?
Meinungen ändern sich durch den Dialog, jedoch sicher nicht dadurch, den Dom abzuschalten. Es ist schade, dass eine Chance auf Dialog so vertan wird!

Gestern ging es dann nach dem Anschlag in Paris wieder genau umgekehrt weiter. Die gleichen Gesichter, die sich noch am Montag über den feinen Schachzug gegen Pegida gefreut haben, beteuern nun in den Netzen, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung unser höchstes Gut sei und man dieses unter allen Umständen verteidigen müsse.

Man fragt sich, was wollen wir eigentlich? Unumstrittenes Recht auf Meinungsfreiheit, aber bitte nur dann, wenn es keine abweichenden Meinungen sind? Angst vor Islamisierung darf man nicht äußern, aber Witze über den Islam müssen in jedem Fall toleriert werden aufgrund unserer Meinungsfreiheit?
Vielleicht sollten wir zunächst festlegen, welche Form der Meinungsfreiheit wir eigentlich wollen. Meinungsfreiheit ist immer einfach, wenn sich alle einig sind. Ihre Wertigkeit zeigt sich dann, wenn abweichende Meinungen geäußert werden.

Insbesondere sollten wir uns fragen, wie wir mit abweichenden Meinungen umgehen. Sie nicht anzuhören, sondern pauschal zu verurteilen entspricht weder unseren Werten noch bringt es uns voran. Wir brauchen deutlich mehr Debatte, nicht weniger. Bewegungen wie Pegida gibt es bereits etwas länger in einigen Nachbarländern, was sich dort auch in Parteierfolgen wiederspiegelt. Nutzen wir die Zeit bis zur nächsten Wahl in Deutschland also lieber, um zu kommunizieren und dadurch Meinungen zu überdenken und Vorurteile abzubauen.

Am besten wäre es, wenn alle zum Austausch zusammen kommen, statt sich auf Demonstrationen gegenseitig Parolen zuzubrüllen. Vorurteile lassen sich immer gut aufrecht erhalten, wenn man die Personen auf die sie sich beziehen nicht kennt. Auf der einen wie auf der anderen Seite.
Deshalb: Licht an und Dialog statt abgedunkelter Meinungsfreiheit. Das bringt mehr!

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